Am einfachsten ist dies für die Anglikanische Kirche darzustellen. Wir geben hier einen Text von Thomas Kielinger gekürzt wieder:

„Unter allen Kirchen, die sich im 16. Jahrhundert von Rom abspalteten, nimmt die Church of England (…) eine Sonderstellung ein. Sie erwuchs nicht wie die Reformation in Deutschland aus volkstümlichem Boden, nicht aus innerlichem religiösen Drang: Vielmehr verdankt sie ihr Entstehen primär dem Kalkül eines Monarchen, Heinrichs VIII. . (…) Früh also verschmolz die Church of England mit der englischen Identität, und Protestantismus made in England wurde das staatstragende Element. (…)
Der Eigenwille Englands auch in Kirchenfragen hatte sich freilich lange vor Heinrich VIII. und seinem Bruch mit dem Papst gezeigt. Schon die Magna Charta von 1215 proklamierte (…) im ersten ihrer 63 Artikel die Unabhängigkeit der Kirche, und das hieß damals und seitdem immer auch das Recht der katholischen Hierarchie, sich zu beschweren über unliebsame Eingriffe der römischen Zentrale, seien es finanzielle Bürden oder bürokratisch-kirchliche Anmaßungen. Und die antipäpstliche Einstellung des heimischen Klerus wuchs und verband sich mit andi-dogmatischen Tendenzen. Auf dem Konzil von Lyon 1254 legten die Abgesandten der englischen Kirche feierlich Protest ein, unter Auflistung aller päpstlichen „Erpressungen“. Robert Grosseteste, Bisch von Lincoln und bedeutender Theologe seiner Zeit, schloss sich dem Protest an: „Das Patrimonium der Kirche von England, das für die Andacht Gottes, den Unterhalt seiner Geistlichen und der Armen Christi da ist, wird von Feinden aus fernen Landen usurpiert. Möge England sich erheben und diesen Schimpf zurückweisen, der seiner Mutterkirche angetan wird.“ Die Sprache des Kirchenfürsten, auch er ein free-born Englischman.

John Wycliffe (William Frederick Yeames, 1835-1918) {{PD-Art|PD-old-75}}

Einhundert Jahre später startete der Oxforder Theologe John Wycliffe eine regelrechte Kampagne gegen römischen Machtwillen und den Verfall christlicher Bescheidenheit.  Sein Protest ging weit über einen Grosseteste hinaus und berührte bereits tiefste Glaubensinhalte. Wycliffe predigte gegen Heiligen- und Reliquiendienst, gegen den Zölibat und die Transsubstantiation, die Lehre, wonach sich Brot und Wein beim Abendmahl in Fleisch und Blut Christi verwandeln, und nahm damit weitgehend vorweg, was die Reformatoren im Gefolge des Bruchs mit Rom nach Heinrich VIII. zu Grundlagen des neuen Glaubens erheben würden.
(…)
Der Paradigmenwechsel unter dem Tudor-Monarchen war nicht so sehr eine anti-katholische als eine politisch-nationale Revolution. (…) Ein Souveränitätskonflikt also, keine Stiftung einer neuen Religion. (…) Kirche und Staat vereint unter dem Dach der Nation. (…)
Aber das „empire entire unto itself“ verabschiedete gleichzeitig tausend Jahre seines christlichen* Kulturerbes. Als Erstes wurden ab 1535 sukzessive alle 800 Klöster des Landes aufgelöst, ihre Kirchen zerstört (…), das Besitztum der Orden preiswert dem Landadel als neuer Grund und Boden überlassen. (…) Tiefer noch schnitt die kulturelle Revolution: Ein wahrer antiklerikaler Hooliganismus griff um sich, der mit dem Mittel des Staatsterrors das bildliche Erbe des englischen Mittelalters stürmte. Pilgerstätten, Heiligenschreine, Kirchenkunst jeder Art fielen dem Vorschlaghammer der Kommissare von Thomas Cromwell, Heinrichs Erstem Minister, zum Opfer. Unersetzliche Wandmalereien wurden geschändet und übertüncht, Altarbilder zerbrochen und durch großflächige Bibelworte und die Zehn Gebote ersetzt, das Visuelle machte dem Verbalen Platz.
Doch dieser Akt eines kollektiven Vandalismus zeitigte eine unerwartete Folge: das Aufblühen des Englischen als eines literaturfähigen Mediums der Kommunikation. Die Menschen entdeckten ihre Vorliebe zum eigenen Idiom, zum Diskurs in der eigenen Sprache – erst bei der Interpretation der jetzt auf Englisch vorliegenden Heiligen Schrift, dann in der allmählichen Aneignung der Lebenswelt insgesamt. Aus den Trümmern eines Erbes christlicher* Devotion, die plötzlich als „römische Idolatrie“ verdammt wurde, erwuchs eine neue, aufklärerische Tradition – Englands Nationalliteratur. (…) dass ohne diesen gewalttätigen Kulturbruch ein Shakespeare, ein Marlowe, ein Bunyan, Donne oder Milton nicht denkbar gewesen wären.
Was aber wurde aus den „Kirchengesetzen und sakramentalen Verfügungen“, die nach 1534 zunächst in Kraft blieben? Nun, auch Ritus und Glaubensbekenntnis entwickelten sich allmählich zu neuer englischer Eigenart, zum größten Teil freilich erst nach dem Ableben des allerkatholischsten Königs. Ihm folgte sein minderjähriger Sohn Eduard VI., gestützt durch Regenten, auf den Thron, und in dieser Ära konnte der Erzbischof von Canterbury, Thomas Cranmer, die eigentliche protestantische Umwandlung der englischen Kirche durchsetzen (…). Unter seiner Führung verloren sich Schritt für Schritt die katholischen Glaubensinhalte, eine Entwicklung, die schließlich unter Elisabeth I. 1563 in den noch heute gültigen „39 Artikeln“ ihren doktrinalen Abschluss fand. Bilder-, Heiligen- und Marienverehrung wurden abgeschafft, ebenso der Zölibat und die Ohrenbeichte, und unter den Sakramenten blieben nur zwei verbindlich: Taufe und Abendmahl, Letzteres ohne Transsubstantiation.
Sanft vollzogen sich die Übergänge des 16. Jahrhunderts nicht. (…) Dafür hatte der Übertritt des Landes zum Protestantismus für England die gnädige Folge, dass ihm die Zerrissenheit, wie sie der Dreißigjährige Krieg dem europäischen Kontinent bescheren sollte, erspart blieb.


Auslassungen und Hervorhebungen (ausgenommen solche in Kursiv) sind von uns.

aus: Thomas KIELINGER, „Kleine Geschichte Großbritanniens“, Verlag C.H.Beck oHG, München 2009, 1. überarbeitete und erweiterte Auflage in C.H.Beck Paperback. 2016

* Hier wird offensichtlich -und völlig unzutreffend- christlich mit römisch-katholisch gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung findet sich im allgemeinen Sprachgebrauch (und offensichtlich auch bei informierteren Zeitgenossen) extrem häufig- und hat über Europa ein völlig falsches Bild dessen gebracht, was Gott, Glaube, Jesus, Nachfolge etc. bedeuten. Einerseits in Äußerlichkeiten und Verhalten: mit sich selbst dienenden Institutionen, mit ungeheuerlichem weltlichen Besitz, mit Prunk, mit Arroganz und Heuchlerei, Verstrickung in Politik und weltliche Macht. Andererseits mit einer Darstellung von Jesus, von Gott, vom Glauben, und was sie bedeuten; ein Bild, für dessen Ablehnung man fast Verständnis haben muß, ein Bild, das einen aufgeklärten Menschen leichter von Gott weg- als zu ihm hinführen kann. Die Verwechslung von Katholizismus mit dem Christentum, einer Weltmacht mit einem Glauben, Äußerlichkeit mit Innerlichkeit ist eine wirkliche Tragödie für die westliche Welt.


…in Arbeit!