Hier stellen wir einen der beeindruckendsten Menschen des 20. Jahrhunderts vor:

Viktor Frankl

Viktor Frankl (1905-1997) war Arzt und Psychiater und ist als Begründer der „Dritten Wiener Schule der Psychotherapie“ der „Vater“ der Logotherapie.

Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Frankl

Frankl hat die Hölle durchlebt- und ist aus ihr hervorgetreten, um den Menschen, um uns zu zeigen, wie´s gehen kann:
Er hat gezeigt, wie man nicht nur überlebt, sondern wie der Mensch ein Mensch im besten Sinne des Wortes werden kann.

Für ihn ist das Leben eine Frage, die von uns beantwortet werden soll: unsere Antwort ist das Leben, das wir führen. Was wir aus unserem Leben machen, das ist unsere Freiheit: „Die Freiheit des Menschen ist selbstverständlich nicht eine Freiheit von Bedingungen, sei es biologischen, sei es psychologischen oder soziologischen; sie ist überhaupt nicht eine Freiheit von etwas, sondern eine Freiheit zu etwas, nämlich die Freiheit zu einer Stellungnahme gegenüber all den Bedingungen. Und so wird sich denn auch ein Mensch erst dann als ein wirklicher Mensch erweisen, wenn er sich in die Dimension der Freiheit aufschwingt.“ (1)

Der Mensch verfügt neben einer körperlichen und einer psychischen Dimension über eine geistige Dimension, die „seine eigentliche Personalität und Würde ausmacht. Als geistige Person ist der Mensch nicht mehr nur reagierendes oder abreagierendes, sondern auch agierendes, gestaltendes Wesen.“ (http://logotherapy.univie.ac.at/d/logotherapie.html)

Damit erhebt sich der Mensch über die Bedingungen, die ihn scheinbar (!) beherrschen, und beginnt sein Leben selbst zu bestimmen- von der Fremdbestimmtheit zur Eigenverantwortung.

Und wie wird ihm das gelingen? Frankl meinte „…der Lebenssinn sei das Dringendste, was ein Mensch brauche; der Mensch müsse etwas oder jemanden finden, für das oder den es sich zu leben lohne. Er nannte dies den „Willen zum Sinn“ und zitierte immer wieder Nietzsches Satz: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.““ (2)

So ist die Logotherapie, die Frankl entwickelt hat, als ein Gegenpol aktueller gesellschaftlicher Strömungen zu sehen: „Die Prediger der Selbstverwirklichung neigen dazu, dem Leiden aus dem Weg zu gehen, es zu leugnen und als etwas Unnormales und Vorübergehendes zu trivialisieren. Demgegenüber betonte Frankl, dass das Leiden ein normaler Teil der menschlichen Erfahrung ist und dass der Mensch die reale Möglichkeit hat, einen Sinn in diesem Leiden zu finden, wenn er ihm nicht ausweichen kann.“ (2)

Kein guter Vortrag, wenn man seine Perspektive nicht ändern und so bleiben will, wie man ist:

Viele wirklich großen Menschen sind nicht im bequemen Lehnstuhl groß geworden: Sie sind durch Leid gegangen und es hat sie größer gemacht. Ihre Stärke war, nicht in der Opferrolle zu verharren sondern zu tun, was nur sie zu tun imstande waren- so wie wir aufgerufen sind, zu tun, was nur wir, mit unseren Fähigkeiten und in der Situation, in der wir sind, tun können. Die Welt kann keiner von uns retten- aber wieviel Positives kann ein Mensch in seiner unmittelbaren Umgebung ausstrahlen! Das verlangt Demut, Demut zur Kleinheit. Doch diese Kleinheit wird zur wahren Größe eines Menschen. Jeder muß sich entscheiden: bin ich freundlich zur Verkäuferin, auch wenn sie unfreundlich ist? Nehme ich die schroffe Antwort meines Kollegen übel oder kann ich großzügig sein- in dem Wissen, dass ich die Möglichkeit habe, großzügig zu sein: und wieviel mehr Freude wird diese Großzügigkeit bringen, verglichen damit, dass ich seine schroffe Antwort zurückgebe: gebe ich Unangenehmes weiter, zieht es seine Kreise ebenso wie das Positive, das ich weitergebe. Und ich kann mich frei für dieses und gegen jenes entscheiden! Was für eine Macht ist mir damit gegeben! Wieviel kann ich damit bewirken!

„Wir jagen dem Glück nach, indem wir versuchen, uns selbst zu entdecken, indem wir nach Selbstüberhöhung, Selbstverwirklichung, Selbstvervollkommnung und uneingeschränktem Genuss streben. Wir streben danach, uns selbst immer besser zu kennen, uns zu verstehen und zu bejahen. Die Selbstbeschäftigung steigert unsere Selbstakzeptanz, die Wertschätzung für unsere eigene Person (…). Wir haben gelernt zu glauben, dass wir „gut“ sind, so wie wir sind. Wir haben uns eingeredet, dass es das Richtige ist, nur an uns selbst zu denken, und wir haben eine bis dahin nie gekannte Eigenliebe entwickelt. Wir waren enttäuscht, wenn die Menschen, die wir liebten, uns nicht so liebten, wie wir es zu verdienen glaubten. Wir waren enttäuscht, wenn die Menschen, die uns am nächsten waren, unserem Streben nach Glück im Weg standen.
In den reichen Ländern wurde seit den zwanziger Jahren das uralte Streben nach Glück zum obersten Ziel jedes Einzelnen und richtete sich gleichzeitig nach innen. Diese Tendenz wurde von der Familie, der Schule, ja sogar von den Kirchen ermutigt und unterstützt. Doch um die Mitte des Jahrhunderts rief uns ein unscheinbarer Österreicher dazu auf, andere Ziele zu verfolgen. (…) Er hielt es für einen reinen Wunschtraum zu glauben, man könne die Schuld, den Schmerz und den Tod, die das Menschsein begleiten, einfach übertünchen; man könne sich der persönlichen Verantwortung für andere und für die Welt entziehen, könne die Fähigkeit des Menschen, Leid mutig zu etragen und aus Widrigkeiten noch etwas Gutes zu ziehen, einfach beiseite lassen…“ (2)

Im Vorwort zu Frankls bekanntestem Werk „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ schreibt Hans Weigel:
„Viktor Frankl hat gelebt, was er lehrt. Er kam aus der Hölle (dem Konzentrationslager, Anm.d.Verf.) zurück in seine Vaterstadt, er hatte seine Eltern, seinen Bruder, seine Frau, er hatte alles verloren- doch er war frei von allen Impulsen der Rache, der Vergeltung. (…) Er leugnete, von Anfang an, die Kollektivschuld, er betonte immer wieder die positiven Ausnahmen von der unmenschlichen Regel. Er sah das Gute, das ihm und manchem seinesgleichen geschehen war, und überwand dadurch das vielfache Böse. Er „machte gut, was andere verdarben“. Seine Landsleute hatten ihn erniedrigt, gequält…, er vertauschte das Lager-Gewand mit dem weißen Mantel des Arztes und half ihnen als ärztlicher Seelsorger. Es läßt sich kaum eine christlichere Haltung als jene dieses „Nichtariers“ -und Nichtchristen- denken.“ (Hervorhebung durch d. Verf.) (3)


BUCHBESPRECHUNG „Gottsuche und Sinnfrage“:

„In dem klugen Dialog mit Pinchas Lapide formuliert Frankl, der Mensch werde, er selbst, er verwirklicht sich selbst, er ist ganz Mensch, genau in dem Maße, in dem er nicht sich selbst oder gar seine Selbstverwirklichung anpeilt, nicht sein Glück….. sondern hingegeben ist an etwas anderes.“ Frankls Erweiterung der Psychotherapie, hin zur Transzendenz entspringt jüdischem, biblischem Denken. Sie will den Menschen befreien von der Ich-Zentriertheit, die seine Welt so prägt und so unwirtlich und gottfern macht.
Diese Gedankenführung ist gewissermaßen biblisch vorgedacht und therapeutisch nachempfunden. Man denke an Jesu etwa, der sagte: Wer sein Leben findet, wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.“ Lapide verweist in seinem Gespräch mit Frankl ausdrücklich auf diesen neutestamentlichen Bezug. Kein Wert, der einem Menschen wichtig wird, sei es die Mutterschaft, ein Gebot, die Liebe, dürfe vergötzt werden, lehrt Frankl. Erst im erweiterten Blick in die Transzendenz erfüllen sich auch diese Werte. Sonst nicht.
Frankl erläutert mit Saint-Exupery, der gesagt hatte: Liebe heißt nicht einander in die Augen zu gaffen, sondern gemeinsam in eine Richtung blicken“ – diesen Zusammenhang so: Die wirklich Liebenden blicken parallel ins Unendliche, sie beten gemeinsam. Liebe ist ein gemeinsames Gebet, ein Gebet zu zweit.“
Der Schlüssel zu einem erfüllten Leben ist das Gewissen, das Organ“ zur Sinnfindung. So gesehen ist der nicht-religiöse Mensch, der ja ebenso ein Gewissen hat und Verantwortung trägt, ein Mensch, der diese Transzendenz des Gewissens verkennt. Er versäumt die Frage nach dem Wovor“ der Verantwortung und dem Woher“ des Gewissens. Er hält das Gewissen für die Letztheit, vor der er sich Verantworten muss, und verkennt, dass es nur eine Vorletztheit ist. Gott ist die Leztztheit, auf die alles zuläuft.
Pinchas Lapide würdigt die Art und Weise, wie Fankl die KZ-Erfahrung verarbeitet hat. Er bringt sie in einen bemerkenswerten Zusammenhang mit der Frage nach Gott. Wenn Sie, der Sie wie die Bibel sagt, den Kelch des Leides bis zur Neige trinken mussten und im Stande waren, das hasslos mit Liebe für die Menschheit zu überleben, so sind sie ein lebendiger Gottesbeweis auf zwei Beinen…, dann haben Dorothee Sölle und die so genannten Gott-ist-tot-Theologen Unrecht.“ Das würde bedeuten, dass Konzentrationslager und ihre Gräuel eine Chance sind, Gott zu sehen und nicht seinen Existenz zu leugnen, was ja auch Sinn macht, weil nur ein existenter Gott einem irgendwie durch- und heraushelfen kann.
Frankl sieht in der Sinnkrise der vielen einzelnen Menschen auch ein gesellschaftliches Symptom. In das existentielle Vakuum, das da entsteht, wo menschliche Existenz keinen Sinn findet und keine Wert verwirklicht, strömt anderes: Frustration, Verzweiflung, Hass, Gewalt. Besorgt fragt Frankl: Wird Geistesarmut die Armut des 21. Jahrhunderts?“ Diese Frage treibt auch Christen um. Ich befürchte, dass ich nicht der Einzige bin, der sie bejaht.
Ein sehr lesenswertes und unterhaltsames Buch.“

Fotoquelle: www.randomhouse.de/Paperback/Gottsuche-und-Sinnfrage/Pinchas-Lapide/Guetersloher-Verlagshaus/e205737.rhd

Textquelle: https://www.amazon.de/Gottsuche-Sinnfrage-Gespr%C3%A4ch-Pinchas-Lapide/dp/3579054287/ref=cm_lmf_tit_16_rsrsrs0


Weitere Infos und Quellen:

__________________________________________________________

(1) (Viktor E. Frankl, Ärztliche Seelsorge)

(2) „Viktor und Elly Frankl“ von Haddon Klingberg, Jr., 2013 Facultas Verlag

(3) Viktor E. Frankl: …trotzdem Ja zu Leben sagen, dtv 1977